Was ist die Graham-Zahl?
Die Graham-Zahl ist eine konservative Schaetzung des fairen Werts einer Aktie auf Basis von zwei Fundamentaldaten: Gewinn je Aktie und Buchwert je Aktie. Sie soll zeigen, welchen Hoechstpreis ein defensiver Value-Investor fuer ein profitables, substanzstarkes Unternehmen maximal zahlen sollte.
Benjamin Graham entwickelte die Formel als Kurzfassung zweier klassischer Value-Regeln: Bezahle nicht mehr als das 15-Fache des Gewinns und nicht mehr als das 1,5-Fache des Buchwerts. Multipliziert man beide Grenzen, erhaelt man 22,5.
Wenn ein Unternehmen 4,00 $ pro Aktie verdient und einen Buchwert je Aktie von 20,00 $ hat, ergibt sich folgende Graham-Zahl:
Notiert die Aktie bei 35 $, liegt sie unter der Graham-Zahl. Notiert sie bei 50 $, liegt sie darueber.
Kurz gesagt: Die Graham-Zahl ist eine schnelle Value-Investing-Formel, die die Logik von KGV und KBV verbindet. Sie eignet sich am besten fuer etablierte, profitable Unternehmen mit greifbaren Vermoegenswerten. Weniger sinnvoll ist sie bei Banken, REITs, asset-light Softwarefirmen oder Unternehmen mit negativen Gewinnen.
Warum die Graham-Zahl wichtig ist
Die meisten Bewertungskennzahlen betrachten nur eine Dimension. Das KGV zeigt, wie viel Anleger fuer aktuelle Gewinne zahlen. Das KBV zeigt, wie viel fuer das Nettovermoegen bezahlt wird. Die Graham-Zahl fuehrt beides in einer konservativen Obergrenze zusammen.
Das ist wichtig, weil eine Aktie bei einer Kennzahl billig und bei einer anderen trotzdem teuer wirken kann. Ein niedriges KGV kann auf voruebergehend hohe Gewinne zurueckgehen. Ein niedriges KBV kann bedeuten, dass der Markt der Bilanz nicht traut. Die Graham-Zahl zwingt beide Bedingungen dazu, gleichzeitig zu gelten.
Fuer Value-Investoren hat sie drei praktische Vorteile:
- Schnelle Vorauswahl. Sie hilft, lange Aktienlisten in wahrscheinlich teure und potenziell unterbewertete Titel zu sortieren.
- Disziplin bei der Sicherheitsmarge. Statt optimistischer Schaetzungen erhalten Sie einen bewusst konservativen Referenzwert.
- Kontrolle fuer Graham-Screens. Wenn eine Aktie zusaetzlich einen klassischen Value-Screen wie wie man Value-Aktien screent besteht, koennen Sie mit der Graham-Zahl beurteilen, ob der aktuelle Kurs noch Spielraum nach oben laesst.
Die Formel ist kein innerer Wert im modernen DCF-Sinn. Sie ist bewusst grob. Genau deshalb bleibt sie nuetzlich: Sie haelt den ersten Analyse-Schritt einfach und vorsichtig.
Wie die Graham-Zahl berechnet wird
Die Formel benoetigt zwei Eingaben:
- Gewinn je Aktie (EPS): meist auf Basis der letzten zwoelf Monate
- Buchwert je Aktie: bilanzielles Eigenkapital pro Aktie
Warum gerade 22,5?
Die Zahl stammt direkt aus Grahams Regeln fuer defensive Anleger:
- Maximal akzeptables KGV = 15
- Maximal akzeptables KBV = 1,5
Die Graham-Zahl ist also nichts anderes als eine kompakte Antwort auf die Frage: "Bei welchem Aktienkurs waeren beide Regeln gleichzeitig erfuellt?"
Konkretes Beispiel
| Eingabe | Wert |
|---|---|
| Gewinn je Aktie | 3,20 $ |
| Buchwert je Aktie | 18,00 $ |
| Konstante | 22,5 |
Notiert die Aktie bei 28 $, liegt sie unter der Graham-Zahl und koennte eine weitere Analyse verdienen. Bei 41 $ liegt sie darueber und erfuellt einen strengen Graham-Value-Massstab moeglicherweise nicht mehr.
Deshalb eignet sich die Formel vor allem als Screening-Werkzeug, nicht als endgueltige Kaufentscheidung.
Wie man die Graham-Zahl interpretiert
Die Interpretation ist einfach: Vergleichen Sie den aktuellen Boersenkurs mit dem Ergebnis der Formel.
| Kurs im Verhaeltnis zur Graham-Zahl | Typische Aussage |
|---|---|
| Deutlich darunter | Potenzielle Unterbewertung oder reales Geschaeftsrisiko |
| Nahe an der Zahl | Auf konservativer Graham-Basis ungefaehr fair bewertet |
| Deutlich darueber | Der Markt preist Wachstum, immaterielle Werte, Qualitaet oder Optimismus ein, die ueber Grahams defensive Regeln hinausgehen |
Das entscheidende Wort lautet konservativ. Eine Aktie oberhalb ihrer Graham-Zahl ist nicht automatisch ueberbewertet. Viele hervorragende Unternehmen handeln jahrelang darueber, weil die Formel Markenstaerke, Software-Oekonomie, Netzwerkeffekte oder aussergewoehnliche Kapitalrenditen nur unzureichend abbildet.
Wie sinnvoll ist die Graham-Zahl je nach Unternehmensart?
| Sektor oder Unternehmensart | Aussagekraft | Warum |
|---|---|---|
| Industrie | Hoch | Greifbare Vermoegenswerte und stabile Gewinne passen gut zur Formel |
| Basiskonsumgueter | Mittel bis hoch | Reife Gewinne und solide Bilanzen machen das Ergebnis vergleichsweise robust |
| Energie und Rohstoffe | Mittel | Asset-lastig, aber zyklische Gewinne koennen die Formel verzerren |
| Banken und Versicherer | Mittel | Buchwert ist wichtig, aber branchenspezifische Regeln sind oft treffender als eine allgemeine Graham-Formel |
| REITs | Niedrig | Funds from Operations sind meist wichtiger als EPS und Buchwert |
| Software und Plattformen | Niedrig | Immaterielle Werte dominieren, der Buchwert unterschlaegt daher oft die wahre Qualitaet |
| Biotech ohne Gewinne oder Hypergrowth-Werte | Nicht sinnvoll | Negative oder instabile Gewinne machen die Formel unbrauchbar |
Der Kontext zaehlt: Die Graham-Zahl ist am staerksten bei profitablen, etablierten Unternehmen mit nachvollziehbarer Bilanz. Je asset-lighter oder zyklischer ein Geschaeft ist, desto schwaecher wird die Aussagekraft.
Graham-Zahl vs. KGV und KBV
Die Graham-Zahl ersetzt einzelne Bewertungskennzahlen nicht. Sie buendelt sie.
| Kennzahl | Was sie misst | Staerke | Schwaeche |
|---|---|---|---|
| KGV | Kurs im Verhaeltnis zum Gewinn | Schneller Blick darauf, wie teuer Gewinne sind | Ignoriert Substanz und Bilanzstruktur |
| KBV | Kurs im Verhaeltnis zum Buchwert | Besonders nuetzlich fuer asset-lastige Unternehmen | Schwach bei asset-light Firmen mit wertvollen immateriellen Guetern |
| Graham-Zahl | Konservative Wertobergrenze aus EPS und Buchwert je Aktie | Erzwingt Disziplin bei Gewinn und Substanz zugleich | Fuer viele moderne Geschaeftsmodelle zu grob |
Darum sollte die Formel als erster Filter verstanden werden. Danach muessen Profitabilitaet, Verschuldung, Margen und Geschaeftsqualitaet weiterhin separat geprueft werden. In der Praxis ist der naechste Schritt oft, ROE, Schulden und Wachstum zusaetzlich zu filtern.
So nutzen Sie die Graham-Zahl in ScreenerHub
ScreenerHubs Value-Workflow bildet die beiden Bausteine hinter der Graham-Zahl bereits direkt ab: ertragsbasierte Bewertung und buchwertbasierte Bewertung. Deshalb koennen Sie einen Graham-aehnlichen Screen direkt im Produkt nachbauen, auch wenn es aktuell keinen eigenen Graham-Zahl-Filter in der Oberflaeche gibt.
Graham-aehnlicher Screen
| Filter | Einstellung |
|---|---|
| KGV | 0 - 15 |
| Kurs-Buchwert-Verhaeltnis | 0 - 1,5 |
| Marktkapitalisierung | > 300 Mio. $ |
| Debt-to-Equity | < 1,0 |
| Eigenkapitalrendite | > 8 % |
Dieses Setup spiegelt den Geist von Grahams Formel wider: moderate Multiples zahlen, fragile Bilanzen vermeiden und sich auf Unternehmen konzentrieren, die weiterhin ordentliche Renditen auf ihr Kapital erzielen.
<!-- [SCREENSHOT: ScreenerHub Studio - KGV 0-15, Kurs-Buchwert-Verhaeltnis 0-1,5, Marktkapitalisierung > 300 Mio. $, Debt-to-Equity < 1,0, ROE > 8 % im Filterbereich konfiguriert] -->
-> Einen Graham-aehnlichen Value-Screen in ScreenerHub ausprobieren
Fuer einen vollstaendigeren Workflow lohnt sich danach die Strategieseite zum systematischen Finden von Value-Aktien. Dort sehen Sie, wie Bewertung, Qualitaet und finanzielle Stabilitaet gemeinsam eingesetzt werden.
Haeufige Fehler bei der Nutzung der Graham-Zahl
- Die Zahl wie einen exakten inneren Wert zu behandeln. Die Formel ist eine konservative Abkuerzung, kein vollstaendiges Bewertungsmodell.
- Sie auf ungeeignete Unternehmen anzuwenden. Software, Biotech und REITs wirken oft nur deshalb "teuer", weil die Formel dort schlecht passt.
- Die Qualitaet der Gewinne zu ignorieren. EPS kann voruebergehend aufgebläht, zyklisch oder buchhalterisch verzerrt sein.
- Die Qualitaet der Bilanz zu uebersehen. Buchwert hilft nur, wenn die Vermoegenswerte wirtschaftlich werthaltig und produktiv sind.
- Nur deshalb zu kaufen, weil der Kurs unter der Zahl liegt. Ein Abschlag kann auch auf eine echte Value-Falle hinweisen.
Wann die Graham-Zahl irrefuehrt
Es gibt drei besonders haeufige Faelle, in denen die Formel versagt.
1. Negative oder instabile Gewinne
Ist der Gewinn je Aktie negativ, funktioniert die Graham-Zahl nicht. Schwanken die Gewinne stark mit dem Zyklus, veraendert sich auch das Ergebnis der Formel drastisch von Jahr zu Jahr. Fuer Turnaround-Faelle und tiefe Zykliker ist sie daher unzuverlaessig.
2. Der Buchwert bildet den wahren Unternehmenswert nicht ab
Bei Software, Plattformen und markenstarken Konsumunternehmen sitzen die wertvollsten Vermoegenswerte oft nicht sauber in der Bilanz. Die Formel unterschaetzt dann den fairen Wert und laesst hervorragende Unternehmen dauerhaft zu teuer wirken.
3. Minderwertige Vermoegenswerte erzeugen falsche Sicherheit
Ein guenstiger Kurs im Verhaeltnis zum Buchwert beruhigt nur dann, wenn der Buchwert auch wirtschaftlich tragfaehig ist. Sind Vermoegenswerte ueberbewertet, veraltet oder schwer zu veraeussern, vermittelt die Formel eine truegerische Sicherheit.
Genau deshalb kombinierte Graham Bewertung immer mit finanzieller Staerke und Geschaeftsstabilitaet. Die Formel war nie als alleinige Entscheidungsgrundlage gedacht.
Haeufig gestellte Fragen
Was ist eine gute Graham-Zahl bei einer Aktie?
Es gibt keine pauschal gute Graham-Zahl in absoluter Hoehe, weil sie direkt von Gewinn und Buchwert eines Unternehmens abhaengt. Entscheidend ist der Vergleich zwischen aktuellem Aktienkurs und Graham-Zahl. Ein Kurs unterhalb der Zahl kann auf Unterbewertung hindeuten, aber nur dann, wenn das Unternehmen profitabel, finanziell solide und fuer die Formel ueberhaupt geeignet ist.
Warum verwendet die Graham-Zahl die 22,5?
Die 22,5 ergibt sich aus Grahams defensiven Bewertungsgrenzen: ein maximales KGV von 15 und ein maximales KBV von 1,5. Die Formel verdichtet beide Schwellenwerte in einer einzigen Konstante, damit Anleger mit einer Rechnung eine konservative Wertobergrenze abschaetzen koennen.
Ist die Graham-Zahl besser als das KGV?
Nicht besser, sondern strenger. Das KGV betrachtet nur den Gewinn. Die Graham-Zahl beruecksichtigt zusaetzlich den Buchwert, was bei etablierten, substanzstarken Unternehmen hilfreich sein kann. Fuer asset-light Unternehmen sind ein reines KGV oder andere Kennzahlen wie EV/EBITDA oft aussagekraeftiger.
Kann eine Aktie oberhalb ihrer Graham-Zahl trotzdem ein gutes Investment sein?
Ja. Viele qualitativ starke Unternehmen handeln oberhalb ihrer Graham-Zahl, weil Anleger fuer dauerhaftes Wachstum, hohe Kapitalrenditen, starke Marken oder immaterielle Werte zahlen. Die Formel ist absichtlich konservativ und schliesst deshalb exzellente Unternehmen oft genauso aus wie wirklich ueberteuerte Titel.